Katalog-Analyse - Grüne Erde / Schlafen
21.09.2026 Im Gegensatz zum "Hauptkatalog" Grüne Erde Wohnen ist der "Schlafen & Bettwäsche" Katalog des Unternehmens Grüne Erde mit einer Klammer-Heftung versehen. Das macht in diesem Fall Sinn. Erstens ist der Katalog nur 68 Seiten stark. Auch wenn die Gelehrten (Drucker & Co) oft dazu raten, einen Katalog ab 48 Seiten zu Lumbecken, weil wertiger ausschauend, halte ich es für absolut richtig. Zumal das Klammern deutlich günstiger ist, der Katalog flach aufliegt und ein Kleberücken zu schmal und daher brüchig sein kann. Richtige Entscheidung trotz oder gerade wegen des 16seitigen, eingehefteten Einlegers Bettwäsche.
Die Kunden werden nahezu auf jeder Doppelseite geschickt an die Hand genommen: Sie erhalten Informationen allgemeiner Art wie etwa "Handgefertigt" oder 100% Naturlatex oder "Gefertigt im Almtal". Das sind wertvolle Zusatzinformationen, die den Kunden einen Blick hinter die Kulissen von Produkt und Fertigung ermöglichen. Diese Spalten mit besten Zusatzinformationen sind perfekte Wissensstrecken, aber auch Dialog-Elemente. Zumal in bester Platzierung (rechts außen Spalte) der Kunde direkt - auch per QR-Code - angesprochen und aufgefordert wird: "Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen - jetzt Führung buchen!". Das ist allerfeinstes Marketing gepaart mit Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Transparenz.
Dass die Macher von Grüne Erde das Katalog-Handwerk verstehen und exzellent umsetzen, ist nicht neu. Das ist gelebter Standard. An vorderster Stelle stehen Informationen und Fotografie. Diese beiden Elemente sollen scheinbar im Einklang stehen und nicht einseitig konkurrieren. Die Information bedingt ein exzellentes Foto und umgekehrt. Es ist keine Dominanz zu erkennen. Auch dann nicht, wenn ein Foto zweidrittel einer Doppelseite ausmacht wie etwa auf Seite 4/5. Das starke Produktfoto unterstützt und verstärkt den Inhalt der jeweiligen Information.
Die Produktfotografie gefällt außerordentlich. Sie wechselt zwischen Produktfotografie aus der Distanz und Nähe. Das Besondere: Nie ist ein Produkt ob Bett, Matratze oder Kissen und Laken komplett abgebildet. Stets erscheinen die Produkte im Anschnitt der Seite oder des Bildrahmens. Manchmal seitlich, manchmal von vorne. Der Artdirektor oder der Grafikdesigner möchte auf diese Weise eine Art Dynamik erreichen. Dies gilt als modern. Und gerade bei sehr statischen Produkten, die selbst keine Dynamik erzeugen können, wird diese Methode häufig gewählt.
Dies gilt umso mehr, wenn fotografische Darstellung der Produkte fast ausschließlich ohne Menschen stattfindet. Gelegentlich sind zwei Hände zu sehen, die an einem Bezug zurren oder ein Lattenrost zurechtrücken. Wenn ich einen Kritikpunkt setzen darf, dann diesen: Ein - im Fall von Grüne Erde - dezent menschelnder Katalog (ab und zu tauchen sich wohlfühlende Menschen/Paare, Familien etc. auf), könnte die Warmherzigkeit von Produkt und Mensch noch verstärken. Menschelnde Produktbilder verstärken zusätzlich den Dialog von Grüne Erde mit den potenziellen Kunden.
Dieser menschelnde Dialog könnte auch etwa durch Experten-Kästen, durch Interviews mit Kunden, die über ihre Erfahrungen sprechen, oder auch beispielsweise durch Ratschläge eines Schlafforschers (Welche Matratze für welchen Menschen (Gewicht, Rücken etc.) oder unterschiedlichen Ansprüchen ...) dargestellt werden.
Apropos Dialog. Der Katalog Grüne Erde - Schlafen & Bettwäsche setzt in anderer Weise auf einen interaktiven Dialog mit dem Kunden. Wo auch immer möglich bietet der Katalog bei Produkten einen QR-Code an, mit denen der Kunde auf die jeweilige Produktseite gelangt oder das jeweilige Produkt etwa zoomen und näher anschauen kann.
Der QR-Code, der den Kunden zur Betriebsstätte von Grüne Erde einlädt, hat mir besonders gefallen. Hier können Kunden beispielsweise von Dienstag bis Freitag auf "Entdeckungstour durch die Grüne-Erde-Welt" in Gruppen erleben. Die fairen Gebühren verhindern eine No-Show-Rate. Dass sich potenzielle Kunden vor Ort einen persönlichen Eindruck über Philosophie des Unternehmens, Qualität der Produkte und Vielfalt der Ökologischen Welt machen können, ist Dialog mit dem Kunden par Excellence.
Ein weiterer Hinweis zum Dialog mit den Kunden. Bei einigen Katalogen hat sich eine "SIE"-Ansprache gelohnt. Während das Editorial von Geschäftsführer Reinhard Kepplinger diese Ansprache immerhin zaghaft wählt - immerhin fünf Mal "Sie" oder "Ihnen" - verzichten die Produktinformationen nahezu gänzlich, die Produktaufmacher-Text überwiegend auf ein "Sie". Hier findet man häufiger das Wort "wir/unsere" als das Wort "Sie/Ihnen/Ihr". Schade eigentlich. Denn mit der Sie-Ansprache (kann auch je nach Zielgruppe deduzt werden) rücke ich auch verbal noch ein Stück näher an den Kunden.
Der eingeheftete Bettwäsche Katalog ist 16 Seiten stark und im Format 285 mal 175.
Das Cover zeigt - und das ist gewollt auffällig - eine träumende Frau auf, die ihren Kopf auf ein Kissen gebettet hat, Augen geschlossen und sich sichtbar wohl fühlt.
Diese Frau ist leider das einzig Menschelnde. Auf den folgenden 15 Seiten taucht kein Mensch mehr auf. Die verschiedenen Dessins und Materialien zeigen sich aber alle gemütlich hergerichtet - so, als möchte man direkt hineinspringen in die Federn.
Der Katalog ist ein Beispiel hervorragender Katalog-Kunst. Die opulenten Doppelseiten zur Rubrikeneröffnung machen Lust und provozieren Neugier beim Kunden. Das Weiterblättern auf die Folgeseiten ist unbedingt ein Muss. Die Kombination von Print und Digital (QR-Codes) könnte ausgebaut werden, mehr menschelnde Zufriedenheit und Nähe angeboten werden.
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