Pricing in Krisenzeiten

Nahost-Preisschock: So sollten Onlinehändler auf sinkende Kaufkraft reagieren

von Sebastian Halm

10.08.2026 Der Energiepreisschock infolge des Nahost-Konflikts trifft einkommensschwache Haushalte in Deutschland besonders stark. Für Onlinehändler dürfte damit die Preissensibilität gerade bei Kunden mit wenig finanziellem Spielraum weiter steigen

 (Bild: ChatGPT/Sebastian Halm)
Bild: ChatGPT/Sebastian Halm
Haushalte im untersten Einkommensdezil verlieren durch die Preissteigerungen durchschnittlich 2,87 Prozent ihres verfügbaren Einkommens. Bei den einkommensstärksten Haushalten sind es lediglich 0,65 Prozent. Über alle deutschen Haushalte hinweg beträgt der errechnete Kaufkraftverlust durchschnittlich 1,15 Prozent. Insgesamt erhöhen sich die Konsumausgaben der Haushalte durch den Preisschock um rund 16,8 Milliarden Euro. Das geht aus einer Studie des ifo Instituts   hervor. Tiphaine Wibault, Forscherin am ifo Institut, erklärt: "Wir sehen, dass ärmere Haushalte einem Preisschock, der Tausende Kilometer entfernt seinen Ursprung hat, schlechter ausweichen können und größere Kaufkraftverluste erleiden."

Preisschock verschärft Unterschiede zwischen Kundengruppen

Die zugrunde liegende CESifo-Studie   zeigt, dass der Effekt auch bei einer engeren Betrachtung über die durch den Konsum entstehende Steuerbelastung regressiv bleibt. Im untersten Einkommensdezil entspricht dieser Effekt 0,63 Prozent des Einkommens, im obersten Dezil lediglich 0,12 Prozent. Im Durchschnitt sind es 0,25 Prozent. Die Autoren errechnen zudem, dass der Gini-Koeffizient als Maß für die Einkommensungleichheit infolge des Schocks um bis zu 0,14 Punkte steigen kann.

Überdurchschnittlich betroffen sind ältere Haushalte. Rentnerpaare verlieren laut Analyse 1,53 Prozent ihres verfügbaren Einkommens, alleinlebende Senioren 1,45 Prozent. Ein Grund ist ihr vergleichsweise hoher Ausgabenanteil für Energie und Heizung. Zudem können sie steigende Preise nicht durch höhere Arbeitseinkommen ausgleichen.

Für Händler ist dabei wichtig: Die Studie prognostiziert keinen konkreten Rückgang der Online-Umsätze und unterscheidet nicht nach E-Commerce-Warengruppen. Sie zeigt jedoch, bei welchen Kundengruppen der finanzielle Spielraum besonders stark sinkt. Bei diesen Verbrauchern dürfte der Gesamtpreis einer Bestellung damit noch stärker zum Kaufkriterium werden. Andreas Peichl, Leiter des ifo Zentrums für Finanzwissenschaft, verweist zudem auf einen Unterschied zur Energiekrise des Jahres 2022. "Gerade weil es für diesen Schock keinen europäischen Preisdeckel gibt wie in der Energiekrise 2022, landet die Last fast ungebremst bei den Haushalten - und dort besonders bei denen mit niedrigen Einkommen."

Was Onlinehändler jetzt tun können

Für Shops spricht die Analyse vor allem dafür, Kunden stärker zwischen niedriger Anfangsausgabe und günstigem Stückpreis wählen zu lassen. Gerade bei preissensiblen Zielgruppen können kleinere Packungsgrößen oder niedrigere Einstiegspreise ebenso relevant sein wie größere Sparpackungen mit einem besseren Preis pro Einheit. Auch die Nebenkosten einer Bestellung gewinnen an Bedeutung. Versandkosten, Mindestbestellwerte und andere Zuschläge sollten bereits früh im Kaufprozess transparent sein. Händler können zudem prüfen, ob günstigere Lieferoptionen, Abholung oder angepasste Schwellen für kostenlosen Versand wirtschaftlich sinnvoll sind.

Weitere Ansatzpunkte für Händler sind:
  • Preisgünstige Alternativen sichtbar machen: Günstigere Produktvarianten sollten direkt auf Produkt- und Kategorieseiten auffindbar sein und nicht erst über die Sortierung nach Preis.
  • Rabatte gezielter einsetzen: Statt pauschaler Preisaktionen können Coupons und Loyalitätsvorteile auf häufig gekaufte oder besonders preissensible Produkte konzentriert werden.
  • Warenkörbe flexibilisieren: Unterschiedliche Packungsgrößen und Produktvarianten ermöglichen Kunden, entweder die unmittelbare Ausgabe oder den Stückpreis zu optimieren.
  • Gesamtkosten früh zeigen: Versandkosten und Zuschläge sollten möglichst vor dem Checkout erkennbar sein. Überraschende Zusatzkosten werden bei knappen Budgets noch problematischer.
  • Ältere Zielgruppen berücksichtigen: Shops mit vielen älteren Kunden sollten neben dem Preis auf einfache Bestellprozesse, gut verständliche Angebote und unkomplizierte Wiederbestellungen achten.
  • Preissensibilität laufend messen: Händler sollten beobachten, wie sich Conversion Rate, Warenkorbwert, Abbruchquote und Nachfrage nach günstigeren Produktvarianten in einzelnen Kundensegmenten verändern.

Die Forscher leiten ihre Ergebnisse aus Konjunkturprognosen vor und nach Beginn des Nahost-Konflikts ab und übertragen die veränderten Inflationserwartungen mittels Mikrosimulation auf unterschiedliche Haushaltstypen. Die berechneten Kaufkraftverluste verstehen sie als Obergrenze, weil Verbraucher ihr Konsumverhalten bei steigenden Preisen anpassen können.
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