Preiserhöhung

Aufstand der Marktplatzhändler: Die Otto-Strategie hinter der Preiserhöhung

21.06.2024 Fast verdreifachen will die Otto-Gruppe ab August die monatliche Grundgebühr für Marktplatz-Handelstreibende auf dem Otto-Marktplatz. Auch die Provisionen gehen zum Teil deutlich nach oben. In den Händlerforen sorgt die Preiserhöhung ab August für heftigen Unmut. Inzwischen ist klar: Otto hat mit der Preiserhöhung auch ein strategisches Interesse.

Aktuell geht es auf dem Otto-Marktplatz nicht ganz so harmonisch wie geplant zu (Bild: Ottogroup)
Bild: Ottogroup
Aktuell geht es auf dem Otto-Marktplatz nicht ganz so harmonisch wie geplant zu
"Wir möchten Sie darüber informieren, dass wir zum 01.08.2024 die Provisionen in einigen Provisionsgruppen anpassen werden. Außerdem werden wir die monatliche Grundgebühr von 39,90 Euro auf 99,90 Euro erhöhen", heißt es in einem Rundbrief an die Onlineshops, die auf Otto.de   ihre Waren verkaufen.

Zum Vergleich: Der große Konkurrent Amazon verlangt von seinen Handelstreibenden 39 Euro im Monat. Mitwettbewerber Zalando spielt mit 480 Euro im Jahr in derselben Preisliga. Ebay verlangt 40 (Basis-Shop) beziehungsweise 80 Euro (Top-Shop). Alle sind also deutlich günstiger für Handelstreibende als Ottos Pläne.

Doch damit nicht genug. Auch bei den Provisionen soll es nach oben geben: "Im Oktober 2024 werden in einem zweiten Schritt ausgewählte Provisionsgruppen mit einer Staffelprovision von uns ergänzend ausdifferenziert." So soll die Provision beispielsweise bei Werkzeugen gehen von zehn auf 13 Prozent steigen, bei Technik-Zubehör wird die Provision mehr als verdoppelt - von sieben auf 15 Prozent.

Otto will außerdem im Fashion-Segment nach Zielgruppen differenzieren und kündigt vergünstigte Provisionen für nachhaltige Produkte an. Mit den jetzt vorgenommenen Provisionsanpassungen will der Otto-Marktplatz   "bewusst auch einen stärkeren Anreiz für Sortimente setzen, die qualitativ hochwertig sind sowie nachhaltige Kriterien erfüllen", heißt es in dem Händlerbrief.

"Schräg", "eine Frechheit" oder "So teuer kann ich die Produkte gar nicht machen, um all' das einzupreisen" machen sich Otto-Marktplatztreibende beispielsweise auf dem Sellerforum   Luft. Einzelne kündigen bereits an, sich von dem Marktplatz wieder zu verabschieden: "Ich bin nicht gewillt, SO eine Grundgebühr zu bezahlen. Somit werde ich mich wahrscheinlich von Otto wieder verabschieden", kündigt beispielsweise Melanie Welz an, Chefin des Tierbedarfshops Cadouri   .

Auf der Bilanzpressekonferenz war Otto-Chef Alexander Birken noch stolz gewesen auf seinen wachsenden Marktplatz   : "Ein Drittel der Plattformumsätze stammen inzwischen aus dem Marktplatzgeschäft", hieß es noch vor wenigen Wochen. Die Zahl seiner Marktplatzshops konnte Otto um 33 Prozent auf mehr als 6.500 erhöhen.

Qualitäts- und Retourenprobleme häufen sich

Nun beklagt Deutschlands zweitgrößter ECommerce-Anbieter: "Seit 2022 beobachten wir eine Tendenz zum Angebot immer günstigerer, wenig hochwertiger und nicht nachhaltiger Sortimente im Markt." Diese Entwicklung wirke sich auch auf das Angebot der Plattform aus: "So werden leider mittlerweile vermehrt Marktplatz-Produkte bei Otto angeboten, die weder unseren Qualitätsansprüchen noch den Erwartungen der Kundschaft entsprechen, was eine Vielzahl entsprechend kritischer Rückmeldungen verdeutlicht."

Auf Nachfrage von Neuhandeln zu den Hintergründen argumentiert Otto seinen Schritt mit der Unterscheidbarkeit. Man habe den Otto-Marktplatz " auf eine starke Größe skaliert. Nun beobachten wir, dass sich das Sortimentsangebot großer Plattformen zunehmend angleicht, die Unterschiede verschwimmen. Deshalb werden wir selektiver bei der Auswahl unserer Partner sein. " Man wolle noch mehr auf die Qualität der angebotenen Artikel achten und achte " noch mehr als bisher schon auf die Erfüllung der hohen Anforderungen von uns bei Belieferung und Bedienung."

Über hohe interne Kosten durch "immense Retouren" auf dem Otto-Marktplatz beklagt auch der eine oder andere Marktplatzhändler. Andere kündigen an, Retourenkosten und Preiserhöhung über höhere Preise bei Otto.de auszugleichen: "Wir werden wir unsere Otto-Preise abweichend zu den anderen Marktplätzen nach oben anpassen". Andere haben bereits gekündigt: "Retourenquote war 10x höher als auf anderen Marktplätzen. Deshalb habe ich meine Aktivitäten beendet. Teilweise nicht mal der Versandkarton geöffnet."

"Zu Service-Fragen und Retourenquoten stehen wir im engen Austausch mit unseren Partnern", heißt es in der Otto-Stellungnahme gegenüber Neuhandeln.de. Laut der letzten Händlerumfrage sei "die Zufriedenheit unserer Partner weiter angestiegen". Die Retourenquoten auf dem Otto-Marktplatz unterscheide sich "je nach Sortiment und Angebot teils deutlich". Weil Retouren generell für alle Seiten ein Ärgernis seien unterstütze man die Partner "bestmöglich in der Retouren-Vermeidung: Detaillierte und transparente Artikelinformationen - per Text, Video oder auch Bild - helfen hier ebenso wie z.B. Liveshopping-Angebote mit KI-gestützter Chatberatung oder auch Warnhinweise bei Auswahlbestellungen."

Ob eine höhere Retourenquote auf dem Otto-Marktplatz eher ein anekdotisches Problem einzelner Marktplatzshops ist oder ob die Otto-Kundschaft tatsächlich retourenfreundlicher ist, lässt sich von außen nichts sagen. Otto hüllt sich darüber in Schweigen. Klar ist allerdings: Großer Marktplatz oder Daumen auf der Qualität (und höhere Servicerencdite) - die Frage scheint Otto nun in Richtung Qualität (und höherer Rendite) beantworten zu wollen - und scheint dabei auch eine Flucht vor allem kleinerer Onlineshops aus dem Marktplatz in Kauf nehmen zu wollen.
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 (Michael Sahlender)
Bild: Michael Sahlender
Michael Sahlender (Mirakl)

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