Wegen Temu: Shein wächst kaum noch
29.07.2026 Der Börsenprospekt von Shein zeigt ein drastisch verlangsamtes Wachstum. Nach Einschätzung der asiatischen Beratungsfirma Momentum Works liegt das Kernproblem beim Rivalen Temu.
Demzufolge belastet vor allem der Wettbewerb mit Temu das Geschäftsmodell von Shein. Zölle und die Abschaffung von Freigrenzen verteuern zwar den grenzüberschreitenden Handel. Die operative Marge von Shein brach jedoch bereits 2024 ein und damit vor den jüngsten Zollverschärfungen in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union.
Die operative Marge sank von 4,3 Prozent im Jahr 2023 auf 2,5 Prozent im Jahr 2024. Im Jahr 2025, als Trump die de minimis-Regel kassierte, erholte sie sich wieder auf 4,1 Prozent. Momentum Works sieht deshalb nicht die Zollpolitik, sondern den zunehmenden Konkurrenzkampf als wichtigsten Auslöser für den Margendruck.
Börsengang soll vor allem die Bilanz bereinigen
Shein benötigt den für Herbst anvisierten Börsengang in Hongkong nicht zur Finanzierung des laufenden Geschäfts, meinen die AnalystInnen. Das Unternehmen verfüge über rund 15 Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln und kurzfristigen Anlagen, habe nahezu keine Bankschulden und erwirtschafte einen positiven operativen Cashflow. Der Börsengang würde jedoch die Bilanzstruktur verändern. In der Bilanz stehen laut Prospekt wandelbare und rückzahlbare Vorzugsaktien im Umfang von rund 17 Milliarden US-Dollar als Verbindlichkeit. Dadurch weist Shein ein negatives Eigenkapital von rund sieben Milliarden US-Dollar aus. Mit dem Börsengang würden diese Vorzugsaktien in Eigenkapital umgewandelt. Das negative Eigenkapital könnte damit in einem Schritt verschwinden. Scheitert die Börsennotierung, könnten dagegen Rückzahlungsrechte der InvestorInnen relevant werden. Momentum Works sieht darin einen wesentlichen Grund für den Zeitdruck beim Börsengang.
Auch der ausgewiesene Nettoverlust von 99 Millionen US-Dollar im ersten Quartal 2026 zeichnet nach Einschätzung der Beratungsfirma ein verzerrtes Bild. Im Vorjahresquartal hatte Shein noch einen Nettogewinn von 395 Millionen US-Dollar ausgewiesen. Der Verlust resultiere vor allem aus einer nicht zahlungswirksamen Neubewertung der Vorzugsaktien in Höhe von 328 Millionen US-Dollar, so die BeraterInnen. Ohne diesen Sondereffekt wäre Shein operativ profitabel geblieben.
Temu konkurriert um KundInnen, Werbung und Logistik
Der entscheidende Einschnitt erfolgte laut Momentum Works im Jahr 2024. In diesem Zeitraum weitete Temu seine internationale Expansion stark aus und investierte hohe Summen in Marketing und Kundengewinnung. Externe Schätzungen gehen davon aus, dass Temu 2024 ein Bruttowarenvolumen von 55 bis 70 Milliarden US-Dollar erreichte und damit Shein mit rund 50 Milliarden US-Dollar überholte.
Temu ist zwar kein reiner Modehändler. Die Plattform konkurriert jedoch mit Shein um mehrere zentrale Ressourcen. Dazu gehören die Ausgabenbereitschaft der KonsumentInnen, Werbeplätze bei Meta und Google , Luftfrachtkapazitäten aus Südchina sowie Lager- und Zustellkapazitäten in den Vereinigten Staaten und Europa. Diese Infrastruktur ist für das Shein-Modell entscheidend. Das Unternehmen ist darauf angewiesen, kleine Produktionsmengen kurzfristig fertigen und schnell in internationale Absatzmärkte transportieren zu lassen. Steigende Nachfrage nach denselben Werbe- und Logistikleistungen erhöht damit unmittelbar die Kosten.
Besonders schwer wiegt laut Momentum Works die Konkurrenz um das Produktionsnetzwerk in der chinesischen Provinz Guangdong. Im Stadtviertel Panyu der Metropole Guangzhou hat Shein über Jahre ein dichtes Netz aus kleinen TextilproduzentInnen und Zulieferern aufgebaut. Dieses Cluster ermöglicht es dem Händler, neue Modetrends mit kleinen Stückzahlen zu testen und erfolgreiche Produkte kurzfristig nachzuproduzieren. Temu greift aber inzwischen ebenfalls auf Chinas industrielle Cluster zu. Ende 2025 startete die Temu-Mutter PDD Holdings die Initiative Xinpinmu. Mit einem Budget von umgerechnet 14,5 Milliarden US-Dollar sollen chinesische Hersteller beim Aufbau Temu-eigener Marken unterstützt werden.
Das Fazit von Momentum Works: Mit dem Börsengang könnte Shein zwar die Bilanz bereinigen und Übernahmen ermöglichen. Das Konkurrenzproblem um Kunden, Werbeinventar, Logistik und Lieferanten löst er jedoch nicht.
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