Management

Restrukturierung im Handel: KI-Potenziale trotz Effizienzdruck ungenutzt

von Susan Rönisch

07.10.2025 Während hiesige Handelsunternehmen ihre Organisationen verschlanken und Prozesse digitalisieren, stockt die Umsetzung bei Künstlicher Intelligenz. Die Folge: asiatische Plattformen wie Temu und Shein gewinnen weiter an Boden, während europäische Händler noch an der Struktur feilen.

 (Bild: Pixabay/ tungnguyen0905)
Bild: Pixabay/ tungnguyen0905
Der Handel in Europa treibt seine Restrukturierung weiter voran. Laut aktueller Umfrage der Managementberatung Horvath   erwarten Handelsunternehmen für das Geschäftsjahr 2025 eine durchschnittliche EBIT-Marge von fünf Prozent. Grundlage sind fortgesetzte Programme zur Kostenoptimierung und Effizienzsteigerung, die in nahezu allen Unternehmen ganz oben auf der Agenda stehen.

Die Branche befindet sich dabei mitten in einem Umbauprozess: Reorganisationsthemen sind im Ranking der Managementprioritäten von Platz 9 auf Platz 2 gestiegen, Geschäftsmodellanpassungen und Supply-Chain-Themen haben deutlich an Relevanz gewonnen. "Nach Jahren des Krisenmanagements wird jetzt an den Strukturen gearbeitet", sagt Johannes Isensee, Partner und Handelsexperte bei Horváth. "Der Fokus liegt auf Agilität und Kosteneffizienz - aber die Potenziale von KI bleiben weitgehend ungenutzt."

Management-Prioritäten-Ranking der Retail-Unternehmen 2025 (mit Veränderung zu 2024)

  1. Kostenoptimierung (unverändert)
  2. Reorganisation von Strukturen und Prozessen (+7)
  3. Digitalisierung & KI (unverändert)
  4. Optimierung von Gruppenstrategie & Geschäftsmodell (+4)
  5. Optimierung von Produktionsstrukturen und Supply Chain (+6)
  6. Anpassung von Pricing- und Erlösmodellen (unverändert)
  7. Verbesserung der finanziellen Performance und Risikomanagement (-3)
  8. Verbesserung der Liquidität (-6)
  9. Cyber Security (-2)
  10. Strategische Personalthemen (-5)
  11. Ökologische Orientierung / Nachhaltigkeit (-1)
  12. Innovation und Forschung & Entwicklung (neue Priorität)
  13. M&A bzw. Divestments von Geschäftsbereichen (unverändert)

KI als verpasstes Investitionsthema

Trotz hoher Effizienzziele investieren Handelsunternehmen nur zögerlich in Künstliche Intelligenz. Laut der Studie liegt der KI-Anteil am Umsatz weiterhin bei rund 0,4 Prozent. Dabei rechnen erste Unternehmen bereits mit Einsparungen von durchschnittlich acht Prozent bei Personalkosten in Marketing, Vertrieb und CRM.

Über die Hälfte der Befragten (54 Prozent) erwartet, dass sich Geschäftsmodelle und Strukturen durch den verstärkten Einsatz von KI in den kommenden zwei Jahren grundlegend verändern werden. Der Mangel an Investitionen droht laut Horváth jedoch, die digitale Transformation auszubremsen - und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dynamischen, datengetriebenen Anbietern aus Asien.

Omnichannel als Transformationskern

Eine funktionierende Omnichannel-Architektur gilt inzwischen als Pflichtprogramm, um Kundenerwartungen in Echtzeit zu bedienen. Doch viele Händler stehen hier noch am Anfang. Laut Studie sehen 81 Prozent der Führungskräfte erheblichen Handlungsbedarf - von IT-Systemen über Logistik und Vertriebsorganisation bis zur Unternehmenskultur.

Für Digitaldienstleister und ECommerce-Partner ergeben sich daraus klare Geschäftschancen: Integrationslösungen, KI-gestützte Customer-Journey-Analysen oder datenbasierte Preissteuerung werden zunehmend nachgefragt - allerdings oft noch in Pilotform statt als skalierte Systemlösung.

Asiatische Plattformen und schwindendes Nachhaltigkeitsinteresse

Parallel setzt die wachsende Konkurrenz aus Asien den Markt unter Druck. Plattformen wie Temu und Shein zeigen, wie weit automatisierte Produktions- und Distributionsmodelle ("Manufacturer to Consumer") bereits skaliert sind.

Trotz oft mangelhafter Produktqualität sehen 70 Prozent der Händler diese Anbieter als ernste Bedrohung - nicht zuletzt, weil das Interesse an nachhaltigen Produkten sinkt. Zwei Drittel der befragten Retail-Verantwortlichen berichten von einer abnehmenden Zahlungsbereitschaft für nachhaltige Ware. Lockerere Regulierungen verstärken diesen Trend zusätzlich.

Stationärer Handel bleibt strategisch relevant

Trotz der Herausforderungen bleibt der stationäre Handel im Selbstverständnis der Branche fest verankert: 93 Prozent der Händler sehen physische Standorte langfristig als integralen Bestandteil des Geschäftsmodells. Entscheidend seien laut Studie Erlebnisorientierung, Beratungskompetenz und die konsequente Integration in Omnichannel-Prozesse.

Die Debatte um faire Wettbewerbsbedingungen - etwa bei Mieten, Innenstadtattraktivität oder Plattformbesteuerung - bleibt weiterhin zentral.
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